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Identitätskonstruktionen im Lebenslauf - Sekundäranalytische Modellstudie zu Gender, Arbeit und Familie

Universität InPuT      
 
 

Zielsetzung

In seiner inhaltlichen Zielsetzung widmet sich das Forschungsprojekt dem komplexen und umfassenden Thema der Identitäts- und Subjektkonstruktionen im sozialen Wandel unter Berücksichtigung sozialer Ungleichheiten.

Hintergrund des Projektes sind sozialwissenschaftliche Gegenwartsanalysen, etwa zu Individualisierung, Beschleunigung, Aktivierung oder Entgrenzung, welche darin überein­stimmen, dass mit dem konstatierten sozialen Wandel auch weitgehende Veränderungen der Subjekt- und Identitätskonstruktionen spätmoderner Individuen einhergehen. Mit dem Wandel sozialstaatlicher Regulierungen, der Liberalisierung von Moralvorstellungen sowie der E­ro­sion von Normalfamilie und Normalarbeitsverhältnissen stünden die Subjekte zunehmend in der Pflicht, mehr und mehr Bereiche ihres Lebens selbst herzustellen, zu legitimieren und zu regulieren. Für Rosa (2012) besteht hier eine auffallende Pathologie der Spätmoderne: Auf der einen Seite würden Autonomie und Authentizität auf diese Weise ideologisch stets und immer gefordert. Auf der anderen Sei­te sei es aufgrund der strukturellen Individualisierungs- und Beschleunigungsprozesse sowie daraus re­­sultierender Flexibilisierungsanforderungen jedoch kaum möglich, autonom zu handeln und sich au­then­tisch zu fühlen.

Trotz des vielfachen Rekurses auf Veränderungen der Subjektformierung und Identitätskonstruktionen im sozialen Wandel fehlt bislang eine qualitative Studie, die der Wirkung dieser Veränderungen subjektorientiert nachspürt. Denn es stellt sich die Frage, ob die Wirkung des sozialen Wandels als eine Tendenz verstanden werden kann, die alle Individuen gleich betrifft und erfasst bzw. diese auch gleich betreffen und erfassen soll. Das übergreifende Thema des Projekts ist die also die Frage nach Veränderungen in den Subjektivierungs- und Identitätsprozessen im sozialen Wandel, deren Bearbeitung anhand des reichhaltig vorhandenen empirischen Materials aus der Biographie- und Lebenslaufforschung fruchtbar gemacht wird, um somit einen wichtigen Beitrag zu empirisch fundierten Subjekt- und Identitätsansätzen zu liefern.

Um also zu erforschen, inwieweit sich veränderte gesellschaftliche Diskurse, Leitideen und Regu­lie­rungen im Verlauf von 30 Jahren in den Subjektivierungsweisen aufzeigen lassen, ist es erforder­lich, qualitative Studien, die in diesem Zeitraum zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben wurden, aufeinander zu beziehen. Denn um Veränderungen im Zeitverlauf des sozialen Wandels analysieren zu können, muss über empirische Momentaufnahmen hinausgegangen werden. Dies für die Felder Arbeit und Familie durchzuführen, ist Ziel des Forschungsprojekts, das damit eine wichtige Forschungslücke im Diskurs um das spätmoderne Subjekt schließt.

Hierfür wurden im bisherigen Forschungsprozess auf Basis qualitativer Interviews, die in bedeutenden Studien zwischen Ende der 1980er Jahre bis 2002 erhoben wurden, Fragen nach der Identitäts- und Subjektkonstruktion unter dem Eindruck des gesellschaftlichen und politischen Wandels jener Jahre sowie im Kontext sozialer Ungleichheit und Machtverhältnisse untersucht. 

Empirie

Im Fokus unserer empirischen Analyse stand das Verhältnis zwischen Subjektivierung und Identität im Feld von Familie und Arbeit, aus Genderperspektive und unter Berücksichtigung weiterer Dimensionen sozialer Ungleichheiten. Wie wird das Verhältnis zwischen Familien-, Erwerbs- und ehrenamtlicher Arbeit subjektiv gewichtet und interpretiert? Und in welchem Verhältnis stehen Subjektkonstruktionen zu gesellschaftlich-kulturellen Normen und Normalitätsannahmen sowie zu sozialen Strukturen und Rahmenbedingungen im Bereich von Arbeit und Familie? In welchem Zusammenhang stehen die Konstruktionen von individueller Identität mit alltäglicher Lebensführung (z.B. Aufteilung von Haus- und Erziehungsarbeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Alltagsgestaltung in Elternschaft/Partnerschaft) und biographischen Ereignissen, Übergängen und Brüchen (wie z.B. Partner*innenwahl, Familiengründung, Trennung, beruflichen Statuspassagen, Erwerbslosigkeit etc.)?

Unter dem Dach des übergreifenden Forschungsprojekts wurden drei Teilstudien durchgeführt, die jeweils spezifische Aspekte von Subjektkonstruktion, Subjektivierung, Gender, sozialer Ungleichheit und Arbeit beleuchten.

 Opens internal link in current windowTeilprojekt 1: Zur Gouvernementalität von Care – eine intersektionale Mehrebenenanalyse

Opens internal link in current windowTeilprojekt 2: Zur Konstruktion von Männlichkeit im Spannungsfeld von Beruf und Familie

Opens internal link in current windowTeilprojekt 3: Subjektkonstruktionen Erwerbsloser im historischen Vergleich. Ein intersektionaler Vorstoß

 Methode

In seiner methodischen Zielsetzung führte das Projekt systematisch eine integrative Sekundäranalyse mehrerer qualitativer Datensätze bei gleichzeitiger Dokumentation und Reflexion des Forschungsprozesses durch.

Im Sinne einer Modellstudie wurden der Forschungsprozess differenziert dokumentiert und Potentiale wie auch Schwierigkeiten der qualitativen Sekundäranalyse im inhaltlich-methodischen Bezug aufeinander für die Scientific Community festgehalten.

Anhand einer kontinuierlichen methodologischen Reflexion wurden somit Erfahrungswerte für künftige Sekundäranalysen qualitativer Daten geschaffen. Die Modellstudie förderte damit die weitere Systematisierung von Archivierungs- und Forschungsstrategien, schuf eine erfahrungsgesättigte Grundlage für die zeitliche und organisatorische Planung zukünftiger qualitativer Sekundäranalysen und veranschaulichte außerdem den Nutzen von Sekundäranalysen qualitativer Daten. Das Projekt trägt hierdurch zu einer breiteren Kenntnis sowie Diskussion der Methode der qualitativen Sekundäranalyse in der Scientific Community bei, indem die empirischen Grundlagen für eine solche Debatte geschaffen wurden. Anhand einer fokussierten Fragestellung wurde das weitreichende und bislang in der deutschsprachigen Wissenschaft zu wenig genutzte Potential einer Sekundäranalyse qualitativer Daten verdeutlicht.

 Vorhaben: zweite Forschungsphase

In der zweiten Förderphase, welche gegenwärtig beantragt ist, wird eine methodisch sowie inhaltlich innovative Weiterführung des Projekts angestrebt. Methodisch erfährt das Projekt eine Erweiterung, indem die Möglichkeiten einer qualitativen Sekundäranalyse im Längsschnittdesign erprobt werden sollen. Ein sekundäranalytisches Längsschnittdesign ist in besonderer Weise dazu geeignet, eine subjektbezogene Analyse des sozialen Wandels über mehr als zwei Jahrzehnte (etwa 1990 bis 2010) zu leisten, gerade im Hinblick auf die die systematische Berücksichtigung sozialer Ungleichheitspositionen, welche in unserer Forschung erfolgen wird. Der theoretische Zugang wird zudem eine noch stärkere Zusammenführung von sozialpsychologischen Identitätsansätzen und sozialwissenschaftlichen Subjekttheorien erfahren.

Das große inhaltliche Potential einer methodischen Erweiterung auf ein qualitatives Längsschnittdesign liegt darin, subjekt­orientiert die Phänomene des sozialen Wandels und das jeweilig Zeittypische genealogisch zu erforschen. Mit diesem methodisch voraussetzungsvollen und komplexen Unterfangen können verschiedene Inno­vationen gelingen: Es können systematisch Subjektivierungsweisen verschiedener Zeiten vergleichend analysiert werden. Zudem kann eine genealogische Längsschnittanalyse Prozesse und Entwicklungen untersuchen, die zum Verständnis gegenwärtiger gesellschaftlicher Lagen bei­tragen, und eine Mikrostudie des sozialen Wandels liefern.

 

 

 



 
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